Le Corbusier: Welterbe in Ronchamp

Notre-Dame du Haut, Bau-Ikone der Moderne auf einem Hügel mitten im Wald in Ronchamp am Fuß der Vogesen, seit 2016 Weltkulturerbe der Unesco und einmal im Jahr Wallfahrtsstätte für gläubige Katholiken. Doch die Mehrheit der Besucher dieses ganz besonderen Orts – rund 65 000 pro Jahr – kommt überhaupt nicht aus religiösen Gründen, sondern begeistert sich für die Architektur eines Atheisten.

Von Petra Sparrer

Le Corbusiers Kapelle Notre-Dame du Haut von innen
Dicke Betonwände, markante Schrägen – die Wallfahrtskirche von Le Corbusier von innen Foto: PS

Notre-Dame du Haut: Wallfahrtsstätte der Moderne

Robert hat ihn täglich, den weiten Panoramablick über das Jura, die Senke von Belfort und den Naturpark Ballon des Vosges. »Der Architekt war Atheist, aber als er das erste Mal herkam und sich umsah, verliebte er sich sofort in diesen Ort voller Ausstrahlung und akzeptierte deshalb den Auftrag, eine Kirche zu bauen«, so Robert, als ich an seiner deutschsprachigen Führungen in der Kapelle Notre-Dame du Haut teilnahm.

Sie steht auf einem 472 Meter hohen Hügel oberhalb von Ronchamp, der schon den Kelten heilig und seit dem Spätmittelalter ein Wallfahrtsort war. Doch der brutalistische Bau aus Sichtbeton – béton brut – den der Pionier der Moderne Le Corbusier hier im Jahr 1955 errichtete, sieht gar nicht so sehr nach einer Kirche aus. Fast mehr nach einem Raumschiff oder einem Leuchtturm.

Der Eingang – der Architekt hat auch an Regenwetter gedacht. Foto: PS
Einblicke: das heutige Gelände und die frühere Wallfahrtskirche Foto: PS

Faszinierendes Spiel mit Beton: von Licht durchfluteter Brutalismus

Verspielt dringt das Sonnenlicht durch farbig verglaste Öffnungen, 27 Fensterchen in den drei Meter dicken Wänden, die von außen schon etwas von der Witterung gezeichnet sind. Le Corbusier ließ sich von der Bauweise der Moscheen inspirieren, die er bei einer Reise durch die Sahara gesehen hatte.

„Besser ein atheistischer, guter Architekt als eine religiöser, der unfähig ist, so dachte man damals“, begründet Robert die Zustimmung des Erzbistums von Besançon für einen innovativen Architekten. »So sah die Kirche aus, die vorher hier stand.« Er zeigt eine Schwarz-Weiß-Ansicht eines traditionellen, wenig spektakulären neogotischen Gotteshauses mit Kirchturm. Bei einem Alliiertenangriff auf die deutschen Besatzer wurde es 1944 zerstört.

Lichtquellen von innen und außen schmeicheln der rauen Beton-Ästhetik. Foto: PS
Spirituell und spartanisch, der Betrachter dem Himmel nah und allein Foto: PS

Commission d’Art Sacré hieß die Institution, die den Wiederaufbau bei dem damals angesagten Le Corbusier in Auftrag gab. Es entsprach einem landesweiten Trend, für solche Aufgaben renommierte Künstler und Architekten zu gewinnen. Pater Marie-Alain Couturier, Dominikaner, Glasmaler und Kunstkritiker der französischen Kunstzeitschrift Art Sacré, war eine leitende Figur dieser Bewegung, die sich für die Kooperation von Kirchenvätern und Künstlern einsetzte.

Le Corbusier asymmetrisches Gesamtkunstwerk aus Beton, Stein, Bronze, Gusseisen, Glas und Email hat einen Grundriss von nur 30 bis 40 Metern. Das in den Innenraum durchhängende Dach, das durch seine Überhänge auch noch draußen vor der Witterung schützt, hat er der Form einer Krebsschale abgeschaut. Oder einem Segeltuch? Es besteht aus zwei nur 6 cm starken Betonmembranen im Abstand von 2,26 Meter.

Aus späterer Zeit: der Glockenturm von Jean Prouvé

Am 8. September und 15. August ist Ronchamps Betonkirche samt dem weitläufigen Gelände Ziel einer katholischen Wallfahrt. 2000 Menschen finden vor dem Außenaltar im Freien Platz, die Raumakustik ist auch draußen perfekt geplant. Der Glockenturm steht 30 m entfernt.

In den 1970er-Jahren, erst nach dem Tod von Le Corbusier, fügte der französische Kunstschmied, Konstrukteur und Designer Jean Prouvé den Campanile mit drei Bronzeglocken hinzu. Le Corbusier hatte keinen Glockenturm vorgesehen. Orgel- oder Glockenklänge passten ihm nicht ins Konzept. Doch sein Plan einer Beschallungsanlage für elektroakustische Musik war dann wohl doch zu flippig und wurde nicht umgesetzt. Dafür ist das Lichtspiel in der Kirche Spiritualität pur.

Sonne, Mond und Sterne, Kraftsymbole des Universums? Foto: PS
Jean Prouvé schuf improvisierte diesen Campanile. Foto: PS

Versteckter Komfort für die Ordensschwestern und ihre Gäste

Alle guten Dinge sind drei, denn als weiterer namhafter zeitgenössischer Baumeister wirkte Renzo Piano auf dem Hügel von Ronchamp. Der genuesische Architekt des Pariser Centre Pompidou konzipierte ein raffiniertes, helles und beinah im Hang unterhalb der Kapelle verstecktes Nonnenkloster. Zwölf Betonzellen für sieben Klarissinnen, Gemeinschaftsräume, Refektorium, Gebetshaus und Empfangshalle. Sobald es 2011 fertig war, zogen die sieben Ordensschwestern aus der alten Pilgerherberge von Le Corbusier hierher um. Und auf Wunsch beherbergen sie seither auch dem Klosterleben zugeneigte Gäste.

Ein Nonnenkloster vom Stararchitekten, das den Blick in die Natur nicht verstellt. Foto: PS

Le Corbusiers so fantasievolle wie fantasieanregende Kapelle bleibt dennoch die Hauptattraktion. Sie ist seit 2016 Unesco-Weltkulturerbe, im Rahmen einer Serie von 17 Werken von Le Corbusier, die als »herausragender Betrag zur Moderne« gelten, allein zehn sind in Frankreich. Zwei weitere sind Sakralbauten: das Couvent Sainte-Marie-de-la-Tourette, ein Dominikanerkloster in Eveux bei Lyon, und die Kirche Saint-Pierre in Firminy-Vert bei Saint-Étienne. Als Teil der dortigen Stadtplanung mit Jugendzentrum, Wohneinheit und Stadion entwarf der Architekt sie 1965, kurz vor seinem Tod mit 77 Jahren.

Auf den Spuren von Fernand Léger nach Audincourt

Für Kunst- und Architekturbegeisterte hat Robert einen von Ronchamp aus leicht erreichbaren Besuchertipp. Im Empfangsraum des Klosters von Renzo Piano zeigt er während der Führung ein Foto der Glasfenster, die der Künstler Fernand Léger für die Kirche

Wer dem Charme der Betonkirche verfallen ist, entdeckt auch die Glaskunst von Fernand Léger. Foto: PS

Église du Sacré-Coeur im nahen Audincourt gestaltet hat. Im Arbeiterviertel »des Autos« erbaute Architekt Maurice Novarina sie nach dem Zweiten Weltkrieg neu. Auch hier hatte Pater Marie-Alain Couturier seine Hand im Spiel, sodass renommierte Künstler zum Einsatz kamen. Fernand Léger entwarf die farbenfrohen 17 Glasfenster zur Passion Christi und den Wandteppich im Chor, Jean Bazaine das Mosaik auf dem Vorplatz und die Glasplatten im Baptisterium, und Jean Le Moal die Glasfenster in der Krypta.

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INFOS

Gelände und Kirche sind frei zu besichtigen.

  • Deutsche Führung anfragen unter reservation@collinenotredameduhaut.com

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